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Social Practice oder warum rückwärts Fahrradfahren Kunst sein kann

Art as Social Practice. Was bedeutet das? Was ist Social Practice? Die Kunsthistorikerin, Kritikerin und Kuratorin Maria Lind beschreibt in ihrem Text Returning on Bikes. Notes on Social Practice anhand verschiedener Kunstprojekte, was die Ideen hinter der Kunstrichtung Social Practice sind und wo Kritikpunkte ansetzen.

Bei Social Practice handelt es sich um eine zeitgenössische Entwicklung, welcher ein neues Verständnis des Kunstbegriffes zugrunde liegt. Ein Projekt, an welchem deutlich wird, was damit gemeint ist, ist Returnity der schwedischen Künstlerin Elin Wikström. Im Rahmen der alle 10 Jahre stattfindenden Ausstellung Skulptur Projekte Münster lud Returnity 1997 Besucher^innen der Ausstellung und zufällige Passant^innen dazu ein, mit dazu bereitgestellten Fahrrädern rückwärts auf der Promenade um die Stadt zu fahren.

Skulptur Projekte Münster steht für den Schritt der Kunst aus den Wänden von Museen und Kunstinstitutionen heraus in den urbanen Raum. Dabei entstehen meist permanente oder temporäre Skulpturen. Returnity jedoch zeichnet sich nicht durch seine Materialität aus und muss eher als performative Skulptur verstanden werden. Die physikalischen Elemente des Kunstwerkes sind neun Fahrräder, mit Rückspiegel, Stützrädern und speziellen Zahnrädern ausgestattet, was einem gestattet, das Fahrrad rückwärts fahrend zu benutzen und ein Clubhaus, an dem die Fahrräder ausgeliehen und das Fahren damit geübt werden kann. Um was es bei diesem Verhaltensexperiment eigentlich ging, ist, etwas Früh-Erlerntes und Selbstverständliches, wie Fahrradfahren, neu zu denken und anders zu lernen, die Gewohnheiten zu durchbrechen und so die Welt aus einer neuen Perspektive zu sehen.

An dem Projekt lassen sich die Merkmale von Social Practice gut festmachen:

-Es handelt sich um immaterielle Kunstwerke, d.h. es geht nicht um physische Spuren, die hinterlassen werden.

-Die traditionellen Verhältnisse zwischen dem Werk und dem Betrachter, zwischen Produktion und Konsum von Kunst werden infrage gestellt und neu verhandelt. So ist Kunst nicht mehr ein Service, wie z.B. in Museen, wo sie als etwas Fertiges dem/der Betrachter^in serviert wird und diese^r sie nur noch konsumieren muss. Gleichzeitig sind die Projekte meist außerhalb großer Kunstinstitutionen situiert.

-Im Sinne des collaborative turns in der Kunst basieren die Projekte auf Teilnahme. Es geht um kollektives Schaffen, Kooperationen und Kollaborationen.

-Social Practice Projekte richten sich an verschiedene Zielgruppen und verweisen auf politische Fragen, Probleme oder andere künstlerische Anliegen. Es zeigt sich zudem, dass ein Kunstprojekt nicht nur eine bereits bestehende soziale Gemeinschaft ansprechen kann, sondern fähig ist, eine zu formen, wenn auch in den meisten Fällen temporär.

Lind stellt in ihrem Text auch dar, wo allgemeine Kritikpunkte an Social Practice ansetzen:

-Man kann in Projekten wie Returnity nur ein weiteres spielerisches Kunstprojekt sehen, welches zur allgemeinen Unterhaltung dient.

-Durch ein Projekt wie Returnity kann eine Stadt aufgewertet und „gebrandet“ werden, Einkommen und neue Arbeitsplätze werden generiert, so besteht jedoch die Gefahr der Instrumentalisierung der Kunst v.a. in Stadtentwicklungsprozessen.

-Die Projekte werden von oben herab geplant, oft wird zudem nur temporär in eine gegebene Situation eingegriffen.

Lind geht auf diese Kritikpunkte ein und beschreibt, dass teilweise auch temporäre Projekte langfristige Auswirkungen auf eine Situation haben können. Immer mehr Projekte sind außerdem langfristig ausgelegt. Auffällig oft entstehen Projekte, welche neue Formate für Diskussionen, Austausch und gemeinsames Lernen bieten, z.B. Lesungen oder andere Events, bei denen interdisziplinäres Schaffen den Kern bildet. Ein Potential solcher Projekte liegt darin, Leute verschiedener Disziplinen zusammen zu bringen. Diese würden sonst nicht in Austausch kommen, da sie sich außerhalb des Kontextes eines Kunstprojektes nicht getroffen hätten. So kann unter dem Mantel der Kunst ein produktiver Austausch entstehen.

Ein weiterer Punkt, den Lind anspricht ist der des Feedbacks. Oft gibt es in den Projekten wenig Möglichkeit Feedback, wie etwa Kommentare der Teilnehmer^innen, auszuwerten. Dies sollte beim Entstehen von neuen Social Practice Projekten thematisiert werden, da Feedback und Selbstreflektion wichtiger Bestandteil der Projekte sein sollte.

Letztendlich ist der Begriff Social Practice breit gefasst, Social Practice ist Medium, Methode und Genre zugleich. Den Projekten ist gemeinsam, dass sie dazu in der Lage sind, mit unabhängigen und selbst-organisierten Initiativen neue Arbeits- und Schaffensweisen zu finden und diese zu erproben. Sie geben den Teilnehmenden die Möglichkeit, Selbstverständliches neu zu denken und einen neuen Blickwinkel anzunehmen. Zum Beispiel rückwärts fahrend auf dem Fahrrad.

Selina Müller – Kultur der Metropole

Bildmaterial:
Bild1: Elin Wikström/Anna Brag: Ansicht der Installation, Handzeichnung, 1997, 21×29,7 cm (http://www.lwl.org/skulptur-projekte-download/muenster/97/wikstr/b3.htm, 20.2.2015)